Entwicklungszusammenarbeit - technologieeinsatz beim lehren und lernen

Entwicklungszusammenarbeit - technologieeinsatz beim lehren und lernen

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Unformatted text preview: Thorsten Trede, Günter Podlacha und Volker Lichtenthäler Entwicklungszusammenarbeit Technologieeinsatz beim Lernen und Lehren In diesem Beitrag wird der Einsatz von neuen Lerntechnologien als Instrument des sogenannten „Capacity Building“ in der Entwicklungszusammenarbeit erörtert. AuXauend auf der Darstellung der Besonder ­ heiten dieses spezifischen Kontexts wird auf technische und interkulturelle Herausforderungen einge  ­ gangen, wobei besondere Chancen wie auch Grenzen des Einsatzes von Lerntechnologien in der interna ­ Donalen Zusammenarbeit schnell deutlich werden. Lerntechnologien werden hier in aller Regel für Lern  ­ szenarien des Fernunterrichts eingesetzt. Für den Einsatz von neuen Lerntechnologien in Programmen der Entwicklungszusammenarbeit sind dabei flexible Konzepte erforderlich, um technische, infrastrukturelle, sprachliche und interkulturelle Hürden zu nehmen. GleichzeiDg bieten sich Chancen für Teilnehmer/innen und Partner/innen in den Entwicklungsländern wie auch den Industrieländern. Anhand von prakDschen Beispielen und Projektbeschreibungen aus Afrika, dem Kaukasus und einigen anderen Regionen werden im Folgenden entsprechende Probleme und Lösungen, Chancen und Grenzen verdeutlicht und Erfah  ­ rungen reflekDert. Quelle: Volker Lichtenthäler, InWEnt 2010 #entwicklungszusammenarbeit #spezial #fachgegenstand Version vom 1. Februar 2011 Jetzt Pate werden! Für dieses Kapitel wird noch ein Pate gesucht, mehr InformaDonen unter: hFp://l3t.eu/patenschaI 2 — Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien (L3T) 1. Lernen und Lehren in der Entwicklungszusammen ­ arbeit: Capacity Building 2. Warum technologiegestütztes Lernen in der Entwick ­ lungszusammenarbeit? Zunächst stellen sich bei diesem Thema die Frage: Was ist Entwicklungszusammenarbeit bzw. Entwicklungshilfe? Der Begriff der „Entwicklungszusammenarbeit“ betont, im Gegensatz zum veralteten Konzept der „Entwicklungshilfe“, den partnerschaftlichen Charakter der Beziehungen zwischen Entwicklungs- und Industrieländern. In der Entwicklungszusammenarbeit heute steht das gemeinsame Bemühen von Industrieländern und Entwicklungsländern im Vordergrund weltweite Unterschiede in der sozioökonomischen Entwicklung und in den allgemeinen Lebensbedingungen dauerhaft und nachhaltig abzubauen. Ein zentraler Begriff ist hier das „Capacity Building“, dessen Verständnis wichtig für die später beschriebenen Ausführungen zum Einsatz von technologiegestützten Lernszenarien ist. Capacity Building (engl. für „Aufbau von Kapazität“) ist eine der Methoden, die sich in den letzten Jahren als erfolgversprechend (und oftmals auch erfolgreich) für die Entwicklungszusammenarbeit gezeigt hat. Es gibt zahlreiche Definitionen für Capacity Building. Eine davon deutet Capacity Building als die Ve r m i t t l u n g vo n H a n d l u n g s ko m p e t e n z e n u n d Wissen, frei nach dem Montessori-Grundsatz: „Hilf mir, es selbst zu tun“. Capacity Building bedeutet in diesem Sinne, die Handlungskompetenzen des Einzelnen zu stärken und ihn zu befähigen, sein Wissen weiterzugeben. Teilnehmende an Capacity-BuildingProgrammen tragen ihre neuen Kompetenzen und Erfahrungen in ihre Behörden, Verbände, Kammern und Unternehmen, in regionale und überregionale Institutionen. Sie tragen ihr Wissen an jene Stellen, an denen Veränderungsprozesse angestoßen werden können. Strukturelle Veränderungen können sich aber nur dann langfristig durchsetzen, wenn die entsprechenden Rahmenbedingungen stimmen. Das bedeutet letztlich, dass Veränderungsprozesse vertikal auf allen Ebenen greifen und horizontal alle Sektoren umfassen sollten, also politische Akteure ebenso wie Vertreter/innen aus der Wirtschaft sowie der Zivilgesellschaft. Auch Entwicklungszusammenarbeit entwickelt sich, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Frage, warum nun auch technologiegestütztes Lernen Einzug in Capacity-Building-Maßnahmen der Entwicklungszusammenarbeit findet, lässt sich sowohl aus der Sicht der Geberländer als auch der Empfänger/innen beantworten. ? Wo sehen Sie die größten Vorteile von technologiege ­ stützten Lernangeboten im Rahmen der Entwicklungs ­ zusammenarbeit? Warum kann es beispielsweise sinnvoll sein, dass eine EntwicklungsorganisaDon für Teilnehmer/innen aus Namibia eine Schulung zum Thema HIV/AIDS ­PrävenDon als E ­Learning anbietet? Warum kann das für die Teilnehmer/innen aus Na ­ mibia vorteilhaIer sein, als an einer Präsenzschulung teilzunehmen? Im Folgenden werden wir von den Vorteilen technologisch gestütztem Lernen berichten, wie sie sich in bisherigen Projekten darstellten. Vorteile aus Sicht der Geber/innen und Anbieter/innen ? Was bedeuten „Veränderungsprozesse“ und „Verände ­ rungsmanagement“? Recherchieren Sie dazu. In welcher Weise kann technologiegestütztes Lernen in der Entwicklungszusammenarbeit solche Verände ­ rungsprozesse unterstützen? Entwerfen und disku ­ Deren Sie, am besten im Gespräch mit einer Partnerin oder einem Partner, ein mögliches Szenario. Aus der Sicht der Geber/innen bzw. der Anbieter/innen der Bildungsangebote ist technologiegestütztes Lehren nur eine von vielen Möglichkeiten, Information und Wissen zu transferieren und damit zur Entwicklung von Staaten beizutragen. Es macht nicht in jedem Fall Sinn und sollte nicht zum reinen Selbstzweck werden. Technologiegestütztes Lernen kann folgende Vorteile haben: Reisekosten für Expertinnen und Experten entfallen, Inhalte können leichter adaptiert und angepasst werden; darüber hinaus stehen die Lerninhalte den Teilnehmern jederzeit, auch nach Beendigung des Programms zur Verfügung. Weitere Vorteile sind, dass Fachwissen von Expertinnen und Experten vermittelt werden kann, die ansonsten vielleicht nicht zur Verfügung stehen würden: Wer reist schon gerne in ein von Krieg, Unruhen und Krisen geschütteltes Land wie Afghanistan oder den Irak? Zudem können Lerninhalte vergleichsweise einfach an verschiedenste Zielgruppen, unterschiedliche individuelle Bedarfe und unterschiedliche kulturelle Umgebungen angepasst werden. Entwicklungszusammenarbeit. Technologieeinsatz beim Lernen und Lehren — 3 Vorteile für die Teilnehmer/innen Mit E-Learning-Angeboten können Zielgruppen angesprochen werden, die geographisch nicht ohne weiteres erreichbar sind. Entscheidungsträger/innen, beispielsweise in der Mongolei, haben so nicht immer Zeit und Lust, für ein Seminar eine Anreise von einer Woche auf sich zu nehmen. An einem webbasierten Training würden sie eher teilnehmen und somit Ver änderungsprozesse mittragen können. Es ist auch immer noch schwierig, Männer für Kindererziehungskurse in Aserbaidschan zu begeistern, obwohl sich auch dort die Rollenverteilung drastisch ändert. Aber an E-Learning-Kursen, bei denen sie nicht per sönlich teilnehmen müssen, sich also nicht „outen“ müssen, nehmen sie rege teil, zeigten Evaluierungsergebnisse der Universität in Baku (Selbstauskunft der Universität Baku). Ein weiterer Vorteil liegt in der möglichen Einbeziehung von benachteiligten Gruppen durch die Nutzung von Technologien. So haben Frauen machmal keine Möglichkeit an Präsenztrainings teilzunehmen, erhalten aber durch E-Learning Zugang zu einzelnen Fortbildungen, sogar Bachelor- und Master-Programmen. Besonders eindringlich lässt sich dieses an einem Beispiel aus Afghanistan verdeutlichen: So können dort Frauen, selbst wenn sie in hohen Positionen in Ministerien sitzen, nur an Präsenztrainings teilnehmen, wenn ein männlicher Verwandter sie zumindest begleitet. Es ist dem Seminar verlauf oft nicht dienlich, wenn hinter jeder Teilnehmerin ein Bruder oder Onkel sitzt. E-Learning ist hier eine mögliche Lösung für alle Beteiligten. Wie zahlreiche weitere Beispiele aus Ländern des Nahen Ostens zeigen, trägt der Austausch mit Angehörigen anderer Kulturen in Foren und Chats weiter zur Selbstbestimmung teilnehmender Frauen bei. Es gelten also die gleichen Argumente, wie sie in der europäischen Diskussion zum E-Learning angebracht werden, also beispielsweise die Zeitersparnis, Flexibilität und Kosteneffizienz. Hinzu kommen aber auch weitere, spezifische Vorteile, beispielsweise die Anonymität der Teilnahme. Wird in multikulturellen Lerngruppen gelernt, das heisst zum Beispiel in einer internationalen Gruppe, können Lerntechnologien Wege eröffnen, die auf konventionellem Weg fast unbezahlbar und unrealistisch sind. Teilnehmer/innen aus den verschiedensten Regionen der Welt können sich austauschen, vernetzen und gemeinsam Lösungen erarbeiten. Es kommt vor allem auch zu einem Dialog, der das „Geber-Nehmer“-Schema der Entwicklungs„hilfe“ durchbricht und insofern in besonderem Maße die andere Perspektive der Entwick- lungsländer in die Entwicklungszusammenarbeit einbringt. Dieses wäre auf „konventionellem Weg“ fast unbezahlbar. 3. Besonderheiten des technologiegestützten Lernens in der internaKonalen Entwicklungszusammenarbeit Die möglichen Vorteile des technologiegestützten Lernens können nur dann wirken, wenn sie für die Zielgruppe erreichbar sind. Zentral sind dabei die Fragen nach der Infrastruktur sowie Vorraussetzungen für den Umgang mit der Technologie und für das verteilte Lernen, also die entsprechend notwendigen Kompetenzen der jeweils angesprochenen Partner/innen und Teilnehmer/innen? Technologiegestützte Lernangebote können, sofern sie die Zielgruppe erreichen, Lernseings ermög ­ lichen, die im Präzenzunterricht unter Umständen gar nicht realisierbar sind. ! Technische Infrastruktur Der Zugang der Teilnehmer/innen zu Technologien ist beschränkt und die Telekommunikationsinfrastrukturen sind häufig noch ziemlich schlecht und teuer. Während man in den USA beispielsweise für einen Computer statistisch gesehen circa ein Monatsgehalt aufwenden muss, kostet dieser einen Einw o h n e r v o n B a n g l a d e s c h a c h t Ja h r e s g e h ä l t e r (Afemann, 2003). Ähnlich verhält es sich mit den Internetkosten. Computer mögen vorhanden sein, die Bandbreite des Internets aber ist sehr beschränkt; neue Software fehlt. Insgesamt besitzen wesentlich weniger Einwohner/innen der Entwicklungsländer einen Zugang zum Internet als in den Industrienationen (vgl. Abbildung 1). Abbildung 1: Internetnutzer/innen je 100 Einwohner/innen. Quelle: ITU World Telecommunica ­ tions, URL: http://www.itu.int/ITU ­ D/ict/statistics/index.html [2010 ­12 ­12] 4 — Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien (L3T) In der Praxis: Das Bandbreitenproblem 9600 bit/s entspricht der mobilen GSM ­Datenrate und be ­ nennt die Übertragungsgeschwindigkeit in "bit per second". Nutzer/innen in MiFeleuropa erleben heute Übertragungs ­ raten die etwa Hundert Mal höher sind, also bei bis zu 1 Mbit/s liegen, als unerträglich langsam und würden frustriert den Web ­Browser schließen. Eine große Hürde ist bei webbasierten Lernangeboten das „Bandbreitenproblem“: Zahlreiche der heute genutzten und hoch gelobten, interaktiven und lernmotivierenden Angebote im Internet beruhen auf Techniken, die einen enor men Datentransfer in kurzer Zeit erfordern. Als Beispiel seien hier nur Videos, Audiowiedergabe oder gar bandbreitenintensive Angebote wie Videokonferenzen, genannt. Wenn Teilnehmer/innen aus Mali oder aus dem mongolischen Gobi-Altai an einem Kurs teilnehmen möchte, so stellen diese Techniken bei einer 9.600 b i t / s M o d e m - A n b i n d u n g e i n e u nü b e r w i n d b a r e Hürde dar und stellen die Zielerreichung des Pro gramms der Entwicklungszusammenarbeit mehr als nur in Frage (siehe Box „In der Praxis“ oben). Ein Alternative ist in manchen Fällen, zumindest in Ländern in denen die entsprechende Infrastruktur vorhanden ist, die Nutzung von Mobiltelefonen (siehe Box „In der Praxis“ unten). Freilich ergeben sich in M-Learning-Szenarien wiederum besondere Probleme für die Aufbereitung des zu vermittelnden Wissens. Weitere Herausforderungen der besondere Nutzen und teilweise sogar das Ziel begründet, nehmen Teilnehmer/innen aus den unterschiedlichsten Kontinenten, Regionen, Ländern, Religionen, Ethnien teil, die verschiedenste Sprachen sprechen und verschiedenste Lernerfahrungen gemacht haben. Die neuen Lerntechnologien, das Internet, Mobiltelefone, Computer und Kommunikationstechnik bewegen sich besonders in den Entwicklungsländern in einem dynamischen Spannungsfeld zwischen traditionellen, erprobten Lernmethoden und technologiegestützten innovativen Lernformen. All dieses spiegelt sich in der Aufbereitung und Durchführung der Kurse wider: die Didaktik, das Layout, die Bebilder ung und die Sprache stellen besondere Herausforderungen dar. Praktiker/innen berichten dabei auch, dass die Begeisterung für technische Innovationen und neue Medien in Entwicklungsländern oftmals besonders hoch ist. Andererseits sind aber natürlich auch sprachliche Fragen zu beachten. Dabei gibt es besondere kulturelle und interkulturelle Aspekte zu berücksichtigen. D i e Gegebenheiten des täglichen Lebens und des Arbeitsalltags, beispielsweise die Zeit des islamischen Fastenmonats Ramadan sind teilweise gänzlich anders als bei uns. Eine Herausforderung stellen auch interkulturelle Aspekte dar. An Programmen der Entwicklungszusammenarbeit, und darin liegt ja oftmals auch ? Welche Technologien kommen in Kursen zum Einsatz, die Sie kennen? Recherchieren Sie, wie viel Band ­ breite diese benöDgen. Würden Sie diese Technologie noch nutzen, wenn Sie eine sehr langsame Internet ­ verbindung häFen? ? Wählen Sie eine Ihrer Lehrveranstaltungen aus: Wie könnte der Inhalt, möglichst textbasiert und leicht ver ­ ständlich, auXereitet werden? In der Praxis: Mobile HIV/Aids-Prävention in Südafrika In keinem anderen Land gibt es mehr Menschen, die an HIV/Aids erkrankt sind als in der Republik Südafrika, die von der Europäischen Union nicht eindeuDg als Entwicklungsland zugeordnet wird. Um möglichst viele gefährdete Menschen, also vor allem Jugendliche und junge Erwachsene zu er ­ reichen, wird das Mobiltelefon eingesetzt, das die meisten von ihnen besitzen. Im Projekt „Cellphones 4 HIV“ werden daher Kurznachrichten verschickt: Mit Hilfe solcher SMS sollen Jugendliche sensibilisiert werden, auf AkDonen und Unterstützung aufmerksam gemacht werden, beispielsweise auf Kondomausgabestellen. Quelle: hFp://www.cell ­life.org/cellphones ­4 ­hiv [2010 ­12 ­12]; Schneider et al., 2010, 88f Entwicklungszusammenarbeit. Technologieeinsatz beim Lernen und Lehren — 5 4. PragmaKscher Umgang mit der Technik Es gilt also Lösungen zu finden, sich technisch zu beschränken und eine spezielle Methodik und Didaktik zu entwickeln, die diesen Umständen Rechnung trägt. Dieses stellt eine große Herausforderung für alle Beteiligten dar, gleich ob Autor/in, Didaktiker/in, technische Entwickler/in, Grafiker/in oder Tutor/in. ▸ Lernmaterialien auf CD-ROM sind vielfach eine hilfreiche Option, wenn keine ausreichende Internetanbindung vorhanden ist. ▸ Häufig sind Mobiltelefone weit verbreitet und stellen damit eine Option in Sachen Erreichbarkeit der Teilnehmer/innen dar. ▸ Bei webbasierten Anwendungen ist ein Verzicht auf statt von bandbreitenintensiven Anwendungen, insbesondere Reduktion von Bildern und Multimedia, häufig notwendig. Kursentwickler/innen haben die Erfahrung gemacht, dass die eingeschränkten Möglichkeiten oft die Konzentration auf das, was wirklich wichtig ist, nämlich eine saubere Konzeption und Umsetzung der Kursinhalte, forciert. Vielleicht auch, weil sich schlechte Inhalte nicht mehr hinter Animationen, Videos oder Simulationen „verstecken“ können. 5. Sensibler Umgang mit (inter ­) kulturellen Vorausset ­ zungen einem Kasachen. Auch gibt es nationale politische Freund- und Feindschaften sowie entsprechende Stereotypen und Vorurteile. Nehmen wir als Beispiel nur die grafische Gestaltung des Kurses: Im besten Falle sollte bei jedem Bild ein Mensch aus jeder Bevölkerungsgruppe, beider Geschlechter, jedes Landes in jeder Rolle, also beispielsweise als Ärztin oder Patientin, zu sehen sein. Wird eine die Diversität einer solchen Darstellung, sofern sie überhaupt gelingt, als positiv empfunden? Oder schafft dies erst Raum für Fremdenfeindlichkeit, Vorbehalte und entsprechende Reflexionen der Teilnehmer/innen? Neutrale Strichmännchen sind eine naheliegende Lösung. Aber wäre das dann förderlicher für das Lernen? Es zeigt sich deutlich: Scheinbar simple Fragen nach Inhalten und Darstellung müssen von den Beteiligten je nach entwicklungspolitischer Zielsetzung des Capacity Building und je nach regionalem oder multikulturellem Kontext neu gestellt und beantwortet werden. Das Wissen darüber und ein sensibler Umgang mit den kulturellen Besonderheiten der Zielgruppe ist dabei notwendige Voraussetzung. 6. Technologiegestütztes Lernen als Empowerment Nehmen wir als Beispiel einen Kurs, in dem Teilnehmer/innen aus Bildungseinrichtungen in Zentralasien (Usbekistan, Tadschikistan, Kasachstan, Kirgisistan) erlernen wollen, wie man mit dem Thema HIV/AIDS im Gesundheitswesen umgehen kann und welche Konzepte in diesem Bereich bestehen und evtl. übernommen werden könnten. Die potentiellen Teilnehmer/innen kommen zwar alle aus einer Region (Zentralasien), sprechen aber verschiedene Sprachen (mit Russisch als mögliche gemeinsame Sprache, die man in allen Ländern, allerdings in unterschiedlichem Maße, beherrscht), sie haben unterschiedliche Religionen in unterschiedlichen Ausprägungen mit unterschiedlichen Einstellungen zu Sexualität und der Rolle der Frau in der Gesellschaft. Stereotype und historische Empfindsamkeiten beeinflussen die Wahrnehmung des jeweils anderen. Im Kommunikationsverhalten, der Gestik und Mimik, Ritualen spiegeln sich unterschiedliche Tabus wider, beispielsweise welche Person eine andere zuerst grüßen sollte und wie dies auf keinen Fall geschehen sollte. Auch unterscheidet sich beispielsweise eine Usbekin in ihrem Äußeren deutlich von einer Kirgisin, ein Tschetschene deutlich von Das Potenzial von technologisch gestütztem Lernen und Lehren in der Entwicklungszusammenarbeit liegt vor allem darin, Know-How im Umgang mit den Informations- und Kommunikationstechnologien aufzubauen, also die Fähigkeit, auch in Entwicklungsländern selbstständig weltweit verfügbare Informationen und vorhandenes Wissen für sich nutzbar zu machen. Infor mations- und Kommunikationstechnologien sind für die Entwicklungszusammenarbeit insofern vor allem ein Instrument der Steiger ung der Autonomie oder Selbstbestimmung (engl. „Empowerment“). Sie sind ein Werkzeug, um die Bildungschancen der Armen zu erhöhen und um mehr Menschen die Teilnahme am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben zu ermöglichen. Je schneller die Menschen, gerade Frauen und Mädchen, aus möglichst allen sozialen Schichten an die neue Technologie herangeführt werden, umso schneller wird der Anschluss an die globale Infor mations- und Wissensgesellschaft gelingen. Und gerade in dieser Hinsicht stößt technologiegestütztes Lernen als Instrument für Entwicklung und im Einsatz des Capacity Building auch an seine Grenzen, nämlich die politisch-wirtschaftlichen Strukturen: Das Angebot darf nicht allein der städtischen Elite, der Schicht der Reichen und Mächtigen zu Gute kommen. Damit auch ländliche Regionen und Menschen in Armut davon profitieren, bedarf es nationaler, umfassender E-Learning- 6 — Lehrbuch für Lernen und Lehren mit Technologien (L3T) Strategien bzw. einer nationalen E-Policy. Informationsfreiheit und Rechtssicherheit müssen gewährleistet sein. Mit der „Global Campus 21 E-Academy“, die im Auftrag des deutschen Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung entwickelt wurde, gibt es zudem ein umfassendes Angebot an freien und gebührenpflichtigen Kursen zu fast allen Themen der Entwicklungszusammenarbeit. Nachhaltigkeit spielt dabei eine entscheidende Rolle (siehe Abbildung 2). 7. Förderung von E ­Learning als Empowerment Abbildung 2: Überblick über das Kursangebot bei der „GC21 E ­Academy“. Quelle: http://www.gc21 ­eacade ­ my.org [2010 ­12 ­12] Vor dem Hinterg r und, dass Kompetenzen im U m g a n g m i t I n f o r m a t i o n s t e ch n o l o g i e n u n d i m Lernen mit technologischer Unterstützung die Autonomie und Selbstbestimmung unterstützen, gibt es zahlreiche Initiativen der Entwicklungszusammenarbeit, die sich den Ausbau entsprechender Kompetenzen auf die Fahne geschrieben haben. In der Praxis: One Laptop per Child Das Project „One Laptop per Child“, kurz OLPC, hat den AuIrag, Bildungschancen für die Ärmsten der Welt zu schaffen, indem sie jedes Kind mit einem robusten, kosten ­ günsDgen, stromsparenden Laptop ausstaFet. Zu diesem Zweck wurden Hardware, Inhalte und SoIware für kollabora ­ Dves, spannendes und selbstbesDmmtes Lernen entwickelt. Mit dem Zugang zu InformaDonen und Technologien wird es gelingen, Kinder lernen, teilen und gestalten zu lassen. Sie werden miteinander verbunden, zur Schaffung einer bes ­ seren ZukunI. Erste Überlegungen bezüglich eines Wissenstransfers in Ent ­ wicklungs ­ und Schwellenländer wurden schon in den 1970er Jahren von MIT ­Professor Seymour Papert angestellt. In einem Forschungsprojekt brachte er Computertechnologie in ein afrikanisches Dorf. Er beobachtete, inwieweit die Kinder, die vorher keinen Kontakt damit haFen, innerhalb kürzester Zeit lernten, den Computer anzuwenden und sich so neues Wissen aneigneten. Bei weiteren Überlegungen kam am MIT die Idee auf, ein 100 ­Dollar ­Laptop speziell für Entwicklungs ­ länder zu konzipieren. Als sich abzeichnete, dass das Projekt den Rahmen eines reinen Forschungsprojektes sprengen würde, wurde zu dessen Umsetzung in die Praxis die gemeinnützige Gesell ­ schaI One Laptop per Child gegründet. In der Praxis: „Open Source and more IT for African Business“ „Open Source and more IT for African Business“ ist eine Sammlung von E ­Learning ­Kursen zum effekDven Einsatz von Open ­ Source ­SoIware in kleinen und miFelständischen Un ­ ternehmen. Alle Kurse dieser Suite sind mit einer CreaDve ­ Commons ­Lizenz veröffentlich und können damit auch für eigene Schulungsangebote eingesetzt werden. Es werden hierdurch erfolgreich Unternehmen in die Lage versetzt, Open ­Source ­SoIware einzusetzen; einerseits direkt und an ­ dererseits indem sie andere Unternehmen in der Nutzung dieser kostenlosen und dennoch legalen SoIware schulen. Es ist schon Erfolg, das Verständnis für die Nutzung „legaler“ SoIware entwickelt wird; die Legalisierung der SoIwarean ­ wendung ist ein Erfolg in der Entwicklung von ganzen Staaten. Entwicklungszusammenarbeit. Technologieeinsatz beim Lernen und Lehren — 7 D a s Schaffen von E-Learning-Kapazitäten in Partnerländern, verfolgt einen dreiteiligen Ansatz. Hier geht es (a) um die Fortbildung von Einzelpersonen zu E-Learning-Experten, (b) um den Auf- und Ausbau von Bildungsinstitutionen zu E-Learning-Anwendern und -Anbietern, und (c) um die Einleitung von Veränder ungsprozessen in Bildungssystemen mittels neuer Lehr- und Lernmethoden. Die Einführung und Anwendung von E-Learning ist ein idealer Ansatzpunkt für weitere Veränderungsprozesse in Bildungssystemen. Durch die Einführung von E-Learning auf institutioneller Ebene ergeben sich früher oder später Auswirkungen auf der politischen Ebene, so zum Beispiel zur Akkreditierung und Zertifizierung von E-Learning-Institutionen und -Produkten. Damit bewirkt E-Learning mittelbar Prozesse, die häufig zum grundlegenden Überdenken von Bildungssystemen führen. Ein gutes Beispiel hierfür ist Kambodscha, das aktuell eine nationale „E-Policy“ erarbeitet, unter anderem auch zum Einsatz von technologiegestütztem Lernen im Bildungssystem. Diese Programme gehen also eine Stufe weiter: Sie versetzen Institutionen in die Lage, in Zukunft selbständig E-Learning anzubieten und den Nutzen daraus nachhaltig zu ziehen. So macht Entwicklungszusammenarbeit sich irgendwann selbst überflüssig, hat also ihr Ziel erreicht. Zur Umsetzung des zweiten Ansatzes kommen zum Beispiel Kurz- und Langzeitprogramme der d eutsch en E n twi ckl un gsz usa m m en a r b ei t z um Einsatz, die durch das deutsche Bundesministerium f ü r W i r t s c h a f t l i c h e Z u s a m m e n a r b e i t u n d E n twicklung gefördert werden: „eLDI - eLearning Development & Implementation“, „eLiP - eLearning in Practice“ und „eAST - eApplication Skills Transfer“. Die Kurse dauern drei Monat bis zu einem Jahr. Sie bieten Fortbildungen zu allen zentralen Themen in technologiegestützter Fernlehre an, beispielsweise zur Cur riculumsentwicklung, zum Manag ement von O n l i n e - G e m e i n s ch a f t e n u n d z u r E - M o d e r a t i o n . Diese Kurse sind als Angebote in der Entwicklungszusammenarbeit einzigartig. Seit knapp zehn Jahren wurden damit mehr als 1.200 Teilnehmer/innen von mehr als 100 Institutionen aus Lateinamerika, SüdOst-Asien, Zentralasien, Sub-Sahara-Afrika und dem Kaukasus fortgebildet. Diese Länder setzen heute ELearning als Methode ein und verbreiten eigene Lerninhalte auf diesem Wege. Die Inhalte der genannten E-Learning-Programme wurden partnerschaftlich mit Institutionen aus Entwicklungsländern entwickelt und sind alle frei zugänglich und nutzbar. Sie verfolgen den Ansatz freier Bildungsmaterialien (siehe Kapitel #openaccess); Bildungsinstitutionen aus Entwicklungs- und Transfor mationsländer n können die Materialien also für ihre eigenen Zwecke oder als Bildungsanbieter in ihrem Land bzw. ihrer Region weiter verwenden. 8. Fazit Technologiegestütztes Lernen und Lehren macht auch vor der Entwicklungszusammenarbeit heute nicht mehr Halt. Unter der Bedingung angepasster Konzepte, der richtigen Nutzung der Technik und mit speziell an die Zielgr uppen und ihre Bedürfnisse angepassten Inhalten und didaktischen Methoden ist technologiegestütztes Lernen heute ein wichtiges Instrument des Capacity Building und damit der internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Gleichzeitig können zahlreiche speziell aus den Bedürfnissen der Entwicklungszusammenarbeit entstandene Konzepte auch in Industrieländern wertvolle Hinweise und Anregungen für die weitere Nutzung von Technologien in verschiedensten Lernszenarien und -situationen geben. Literatur ▸ Afemann, U. (2003). Internet als Entwicklungshelfer? Die Dritte Welt und das Internet. In: Franziskaner Mission, Dortmund (Hrsg.), Franziskaner Mission, 3. ▸ Boas, T.; Dunning, T. & Bussell, J. (2005). Will the digital revolution revolutionize development? Drawing together the debate. In: Studies in Comparative International Development, New York: Springer. ▸ Böhm, D. (2010). Lokale Barrieren der globalen Informationsgesellschaft. Zum Stellenwert der Informations- und Kommunikationstechnologien in Entwicklungsländern. Hamburg: Diplomica Verlag. ▸ Niemann, J. (2007). Wesentlicher Inhalt. In: E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit, Frankfurt am Main, 48. ▸ Schneider, C., Schön, S. & Wieden-Bischof, D. (2011). Mobile Lerngemeinschaften. In: S. Schön, D. Wieden-Bischof, C. Schneider & M. Schumann (Hrsg.), Mobile Gemeinschaften. Erfolgreiche Beispiele aus den Bereichen Spielen, Lernen und Gesundheit. Salzburg: Salzburg Research, 61-80. ▸ Schönstedt, A. & Sangmeister, H. (2010). Entwicklungszusammenarbeit im 21. Jahrhundert: Ein Überblick. Baden-Baden: Nomos. ...
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This note was uploaded on 03/13/2011 for the course PUK 202 taught by Professor Roth during the Spring '10 term at Universität Klagenfurt.

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