zenktar_19.pdf -...

This preview shows page 1 - 2 out of 4 pages.

2/5/202122/35Da Werther dieses hörte, fuhr er mit Heftigkeit auf.—"Ist's möglich!" rief er aus, "ich muß hinüber, ich kannnicht einen Augenblick ruhn."—Er eilte nach Wahlheim zu, jede Erinnerung ward ihm lebendig, und erzweifelte nicht einen Augenblick, daß jener Mensch die Tat begangen, den er so manchmal gesprochen, derihm so wert geworden war.Da er durch die Linden mußte, um nach der Schenke zu kommen, wo sie den Körper hingelegt hatten,entsetzt' er sich vor dem sonst so geliebten Platze. Jene Schwelle, worauf die Nachbarskinder so oft gespielthatten, war mit Blut besudelt. Liebe und Treue, die schönsten menschlichen Empfindungen, hatten sich inGewalt und Mord verwandelt. Die starken Bäume standen ohne Laub und bereift, die schönen Hecken, diesich über die niedrige Kirchhofmauer wölbten, waren entblättert, und die Grabsteine sahen mit Schneebedeckt durch die Lücken hervor.Als er sich der Schenke näherte, vor welcher das ganze Dorf versammelt war, entstand auf einmal einGeschrei. Man erblickte von fern einen Trupp bewaffneter Männer, und ein jeder rief, daß man den Täterherbeiführe. Werther sah hin und blieb nicht lange zweifelhaft. Ja, es war der Knecht, der jene Witwe so sehrliebte, den er vor einiger Zeit mit dem stillen Grimme, mit der heimlichen Verzweiflung umhergehendangetroffen hatte."Was hast du begangen, Unglücklicher!" rief Werther aus, indem er auf den Gefangenen losging.—Diesersah ihn still an, schwieg und versetzte endlich ganz gelassen: "keiner wird sie haben, sie wird keinenhaben."—Man brachte den Gefangnen in die Schenke, und Werther eilte fort.Durch die entsetzliche, gewaltige Berührung war alles, was in seinem Wesen lag, durcheinandergeschütteltworden. Aus seiner Trauer, seinem Mißmut, seiner gleichgültigen Hingegebenheit wurde er auf einenAugenblick herausgerissen; unüberwindlich bemächtigte sich die Teilnehmung seiner, und es ergriff ihn eineunsägliche Begierde, den Menschen zu retten. Er fühlte ihn so unglücklich, er fand ihn als Verbrecher selbstso schuldlos, er setzte sich so tief in seine Lage, daß er gewiß glaubte, auch andere davon zu überzeugen.Schon wünschte er für ihn sprechen zu können, schon drängte sich der lebhafteste Vortrag nach seinenLippen, er eilte nach dem Jagdhause und konnte sich unterwegs nicht enthalten, alles das, was er demAmtmann vorstellen wollte, schon halblaut auszusprechen.Als er in die Stube trat, fand er Alberten gegenwärtig, dies verstimmte ihn einen Augenblick; doch faßte ersich bald wieder und trug dem Amtmann feurig seine Gesinnungen vor. Dieser schüttelte einigemal denKopf, und obgleich Werther mit der größten Lebhaftigkeit, Leidenschaft und Wahrheit alles vorbrachte, wasein Mensch zur Entschuldigung eines Menschen sagen kann, so war doch, wie sich's leicht denken läßt, derAmtmann dadurch nicht gerührt. Er ließ vielmehr unsern Freund nicht ausreden, widersprach ihm eifrig und

  • Left Quote Icon

    Student Picture

  • Left Quote Icon

    Student Picture

  • Left Quote Icon

    Student Picture