Heutzutage gibt es keine schaffenden mehr die

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körpert und so Einfluss ausübt auf den Instinkt der Massen. Heutzutage gibt es keine Schaffenden mehr. Die gegenwärti- gen Priester der Kunst erschaffen nicht - sie ahmen nach. Sie jagen der Schönheit oder Ähnlichkeit nach, wenn nicht gar der sogenannten Originalität, ohne die unerlässlichen Kenntnisse zu besitzen. Unwissend und ausserstande, irgend etwas hervorzu- bringen, tappen sie im dunkeln, und dennoch bringt ihnen die Menge Verehrung entgegen und hebt sie in den Himmel. Die heilige Kunst ist verschwunden, der Heiligenschein freilich, der ihre Diener umgab, besteht noch immer. All die banalen Worte vom göttlichen Funken, von Talent, Genie, Schöpfung, heiliger Kunst entbehren jeder Grundlage. Es sind Anachronismen. Was sind denn diese Talente? Wir werden ein andermal darüber sprechen. Entweder muss man das Handwerk des Schuhmachers Kunst nennen, oder man muss die gesamte zeitgenössische Kunst als Handwerk bezeichnen. Worin wäre ein Schuster, der modisch elegante Schuhe nach Mass herstellt:, einem Künstler unterlegen, der in seiner Arbeit nur noch nach Ähnlichkeit oder Originalität trachtet? Wer das Wissen besitzt, für den kann auch die Schuhher- stellung eine heilige Kunst sein, aber ohne das Wissen taugen alle Priester der modernen Kunst weniger als ein Flickschuster.» C 49
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Nach diesen letzten, mit Nachdruck ausgesprochenen Worten schwieg er. Auch A. blieb still. Das Gespräch hatte mich tief beeindruckt. Ich fühlte, wie sehr A. recht gehabt hatte mit seiner Warnung: um Herrn Gurdjieff zuhören zu können, genüge es nicht, dass man es einfach wün- sche. Mein Denken arbeitete genau und klar. Tausende von Fragen kamen mir in den Sinn, doch nicht eine entsprach vom Niveau her dem, was ich gehört hatte. Und so blieb ich stumm. Ich blickte zu Herrn Gurdjieff. Er hob langsam den Kopf und sagte: «Ich muss fort. Für heute ist es genug. In einer halben Stunde werden Pferde da sein, die Sie zum Bahnhof bringen ... Was unsere nächsten Zusammenkünfte angeht, so wird A. Sie benachrichtigen.» Und zu diesem gewandt, fügte er hinzu: «Sei- en Sie der Hausherr, bieten Sie unserm Gast ein Frühstück an. Wenn Sie ihn zum Bahnhof begleitet haben, kommen Sie hierher zurück ... Also, auf Wiedersehen!» A. ging durch das Zimmer und zog an einer von der Ottomane verdeckten Schnur. An der Wand ging ein persischer Teppich beiseite und enthüllte ein grosses Fenster, wohindurch nun das Licht eines klaren Wintermorgens ins Zimmer flutete. Es kam für mich völlig unerwartet: bis zu diesem Augenblick hatte ich nicht ein einziges Mal an die Zeit gedacht. «Wie spät ist es?» rief ich aus. «Fast neun Uhr», antwortete A., indem er die Lampen ausmachte. «Wie du siehst, existiert die Zeit hier nicht.» 50
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